Pressemitteilung

Scientology trieb ihn in den Ruin

  • 22.08.2013

«Ich war halt etwas weich.» Ronald Meier
(Name geändert) schaut leicht verlegen zu Boden. Seine weiche Seite
wurde ihm zum Verhängnis. Die Zürcher Scientologen erkannten den
Charakterzug des Metzgers instinktiv und liessen ihn systematisch
ausbluten. Am Schluss war er um rund 800 000 Franken leichter und
verarmt. Heute lebt er von Ergänzungsleistungen. Ronald Meier ist
kein Einzelfall: Immer wieder beuten Sekten ihre Anhänger aus. Sind
diese psychisch oder finanziell ruiniert, muss die Allgemeinheit
die Zeche bezahlen.

Das umfangreiche Scientology-Dossier von Ronald Meier enthält die
Geschichte eines Mannes, der nicht entschieden genug Nein sagen
konnte. Er weigerte sich zwar anfänglich, immer neue Kurse und
Materialien zu kaufen, knickte aber unter dem rhetorischen und
moralischen Druck der Profi-Scientologen immer wieder ein. Bis sein
Vermögen und seine Altersvorsorge aufgebraucht waren. Als nichts
mehr zu holen war, liess man ihn gehen. Heute ist er 74 Jahre alt
und lebt am Existenzminimum. Dabei hätten ihn die scientologischen
Kurse befähigen sollen, das Leben besser zu meistern.

Bürgschaft für den
Therapeuten

Die lange Geschichte begann 1988. Ronald Meier steckte in
einer
Sinnkrise. Ein Flugblatt lockte ihn ins Zürcher Zentrum. Nach einem
intensiven Gespräch unterschrieb er sofort den ersten Kursvertrag.
Dann ging es Schlag auf Schlag, er kaufte immer mehr Kurse und
Auditings (eine Art Therapiesitzung). «Ich fand vieles eigenartig
und blieb skeptisch, doch ich wagte nicht, mich zu wehren oder zu
lösen», sagt Ronald Meier heute. Es sprach sich schnell herum, dass
Meier ziemlich flüssig war. Neben Scientology zapften auch einzelne
Sektenmitglieder die Quelle an. Ein angesehener Scientologe, der
ein eigenes Geschäft hatte, luchste ihm 80 000 Franken in Form
eines Darlehens ab.

In der Klemme war auch der Auditor, der Meier betreute. Dieser
übernahm eine Bürgschaft in der Höhe von 180 000 Franken für seinen
«Therapeuten». Meier dachte, das Geld sei sicher, und gewährte noch
weitere kleine Darlehen.

Meier besuchte fleissig Kurse, doch die grosse Erleuchtung kam
nicht über ihn. «Ich verspürte die grossartigen Gewinne nicht, die
mir Scientology versprochen hatte», erzählt er. Doch nun sass er in
der Falle. Er wollte nicht wahrhaben, dass alles für die Katz
gewesen sein könnte. Deshalb kniete er sich noch intensiver rein
und liess sich überreden, im Hauptquartier in den USA Kurse zu
besuchen. Kostenpunkt: rund 250 000 Franken. An den
Überredungskünsten beteiligt war auch eine junge, hübsche
Amerikanerin. Für angebliche Wohltätigkeitsveranstaltungen und für
prestigeträchtige Einträge in einer Spenderliste zahlte er weitere
100 000 Dollar.

Meier liess sich auch mehrere Hubbard-Elektro-Meter für mehrere
Zehntausend Franken aufschwatzen. Dabei handelt es sich um simple
Geräte zur Messung des Hautwiderstandes, die bei der umstrittenen
Therapie eingesetzt werden und ähnlich wie ein Lügendetektor
reagieren. «Im Lauf weniger Jahre gab ich für Scientology-Kurse und
-Materialien 606 000 Franken aus, Darlehen nicht einberechnet»,
sagt Meier.

Der Mutter Geld abgeschwatzt

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Meier seine Finanzen
noch halbwegs im
Griff. Doch dann zeichnete sich ab, dass die beiden Hauptschuldner
ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Die Bank forderte
die 180 000 Franken aus der Bürgschaft von Meier, weil sein Auditor
in die Drogen abgerutscht war. Der scientologische Geschäftsmann
ging in Konkurs und konnte den Kredit von 80 000 Franken nicht
abzahlen.

Meier suchte Hilfe beim ScientologyKader, auch bei Jürg Stettler,
der heute noch Chef der Schweizer Scientologen ist. Doch Meier fand
keine Gnade. Da er inzwischen blank war, sah er sich gezwungen,
seiner Mutter 40 000 Franken abzuschwatzen und sein Erbe
vorzubeziehen.

Nach ein paar Jahren löste sich Meier von der Sekte und versuchte,
wenigstens die Spendengelder von der milliardenschweren
Mutterorganisation in den USA zurückzubekommen. Doch selbst einer
der ranghöchsten Scientologen liess ihn hängen. Sein Briefpapier
enthielt den Aufdruck: «Ein Mensch ist nur so wertvoll, wie er
andern dient.» Nicht einmal die rund 40 000 Franken, die noch auf
einem Scientology-Konto lagen, wurden ihm zurückbezahlt. Vielmehr
drehten sie ihm zwei von Sektengründer Hubbard signierte
Videokassetten im angeblichen Wert von 40 000 Franken an. Damit war
auch dieses ScientologyKonto geplündert.

Teure Geräte plötzlich wertlos

Schließlich hätte Meier gern ein paar Gegenstände
verkauft, um
seine Schulden zu tilgen. So ein Gold-E-Meter, für das er 42 000
Franken bezahlt hatte, die beiden Kassetten (40 000 Franken) und
andere Materialien (25 000 Franken), doch er fand keine Abnehmer
für die überteuerten Utensilien. Schliesslich packte er alles in
eine Schachtel und brachte sie ins Zürcher Zentrum. Geld bekam er
dafür nicht.

Das letzte Kapitel der Geschichte von Meier wurde in diesen Tagen
abgeschlossen. Mit einem Happy End – wenn auch einem kleinen.
Scientology Zürich überwies ihm rund 3400 Franken. Das Geld war
nicht als Schadenersatz gedacht, vielmehr lag es noch auf einem
Scientology-Konto. Die Sekte rückte den Betrag nur unter der
Bedingung heraus, dass Meier keine weiteren Geldforderungen stellt.
Die 3400 Franken werden rasch aufgebraucht sein, doch Scientology
wird Ronald Meier nie vergessen. Seine Armut erinnert ihn täglich
an seine Schwäche, gelegentlich weich zu werden. Scientology war
nicht bereit, die Fragen des TA zu beantworten.

Hugo Stamm, Zürich, Tages-Anzeiger 05.08.2013